HISTORIE UND ARCHITEKTUR

 

Finsterwalde, im Herzen der Niederlausitz, war Anfang des 20. Jahrhunderts eine prosperierende Stadt.
Vor allem Tuch- und Metallbranche florierte und es entwickelten sich ein stabiler Mittelstand und eine starke Arbeiterschaft.

Adolf Tonke

1912 taten sich die Herren Unternehmer Krengel, Wehle und Tonke zusammen und entwickelten den Plan, für Finsterwalde ein Kino zu bauen. Am 24. Mai 1912 wurde durch die zuständige Polizeiverwaltung die Baugenehmigung erteilt und umgehend begannen die Bauarbeiten am Wickhof, der heutigen Karl-Marx-Straße, im Zentrum der Stadt. Als Architekten konnte das Cottbuser Büro Schmidt & Arnold gewonnen werden, die im Vorfeld schon für den „Weltspiegel“ in Cottbus, eines der ersten großen Kinos in Deutschland, verantwortlich waren.

Am 9. Oktober 1912 öffnete der Finsterwalder „Weltspiegel“ seine Türen und es begann eine cineastische Familientradition, die bis heute in der Hand der Familie Siegert liegt. 404 Zuschauern bot der Filmtempel bei seiner Eröffnung Platz, eine für damalige Verhältnisse sehr respektable Zahl und Ausdruck des stabilen Wohlstandes in der Stadt.

Neben Funktionalität wurde beim Bau und bei späteren Um- und Ausbaumaßnahmen immer sehr viel Wert auf eine moderne Architektur gelegt. Besonders interessant dabei waren in den Anfangsjahren die beiden Hauptfassaden, die eine stark betonte vertikale Gliederung aufweisen und als eklektizistisch einzuordnen sind. Weiterhin ließ sich eine Verbindung zum Historismus erkennen.

 
 

Der Innenraum des großen Kinosaals wurde an den Seitenwänden mit Schmuck versehen, welcher als plastische Wandmalerei ausgeführt wurde. Die Motive sind der Antike zuzuordnen. An der Giebelwand befand sich die Leinwand. Durch den konstruktiven Aufbau des Dachstuhls entstand eine ellipsenförmige Decke, die an den Versätzen mit einer Profilschmuckkante versehen wurde. Mit Rang und dessen umlaufender Balustrade entstand der optische Eindruck einer sehr starken horizontalen Gliederung des Innenraumes. Beheizt wurde der damals größte umbaute Innenraum für kulturelle Zwecke mit einer Dampfheizung.

Bereits sechs Jahre nach der Eröffnung zwangen ständig steigende Besucherzahlen die Betreiber zu ersten baulichen Veränderungen. 1918 wurde der Kinovorraum vergrößert, woraus sich Veränderungen im Eingangsbereich ergaben. Der Haupteingang führte in der Folge direkt ins Foyer. An der Fassade ging diese bauliche Veränderung nicht spurlos vorüber. Sichtbar wurde ein Treppenhaus.

In den Sommermonaten des Jahres 1920 kam es dann zu weiteren größeren Umbaumaßnahmen. Erweitert wurde die Platzkapazität sowohl im Erdgeschoss wie auch im Rang. Diese Umbauten hatten auch eine Umgestaltung der Innenräume zur Folge. Weg fielen dabei die Saallogen und im Rang wurden die sieben Balkonlogen in die Ranggestaltung einbezogen.
Weiterhin wurde der Balkon nach links und nach rechts ausgebaut. Nach den Umbauten verfügte der Saal über eine Kapazität von 428 Sitzplätzen und im Rang gab es nun 171 Sitzplätze. Sämtliche Baumaßnahmen wurden wieder durch das Büro Schmidt & Arnold geplant und ausgeführt.

In den Jahren 1926/27 ging man daran, das Antlitz des Kinos nachhaltig zu verändern. Schwerpunkt dabei war der Anbau eines Cafes. Das Projekt wurde dem Berliner Regierungsbaumeister a.D., Kurt Vogeler, übergeben. Das Kino bekam ein völlig neues Gesicht und die komplette Umgestaltung erfolgte im Jahr 1927. An der Ostseite wurde das geplante Kino angeordnet und es wurde ins Obergeschoss verlegt. Hinzu kam eine großzügige Dachterrasse. Im Zuge des Anbaus wurde die komplette Fassade überarbeitet und die Gestaltung orientierte sich am Konstruktivismus der zwanziger Jahre. Auffällig dabei, jeglicher Fassadenschmuck wurde entfernt.

Da die Wirkung des Kinos in den Abendstunden lag, wurde auf eine architektonische Durchbildung der Lichtreklame besonderen Wert gelegt. So wurde der Eingang durch eine große Lichtfläche, welche mit farbigem Glas ausgeführt wurde, hervorgehoben. Weiterhin waren links und rechts des Einganges zusätzliche Lichtsäulen angebracht. Die Buchstaben „Weltspiegel“ waren damals als Leuchtbuchstaben in die Architektur des Kinos eingeordnet worden. Der Turmaufbau wurde durch ein großes Lichtband umrahmt. Um eine Einheitlichkeit des Gebäudes zu erreichen, wurde es komplett neu verputzt. Besonderer optischer Höhepunkt waren vier große, runde, farbige Bleiglasfenster im Treppenhaus.

10 Jahre gab es dann keine bauliche Veränderungen oder Erweiterungen am Kino. Erst 1937 legte man wieder Hand an und verändert wurde wiederum der Rang. In dieser Zeit bekam er seine heutige Form. Weiterhin wurde eine neue Heizungsanlage, nach dem Prinzip der Luftheizung, eingebaut.

 

Auch der Zweite Weltkrieg ging am Kino „Weltspiegel“ nicht spurlos vorüber. Durch die gezielte Propagandapolitik der Nazis kam es zu einer Erhöhung des Besucheraufkommens. Wiederum musste der Kassenraum vergrößert werden, was eine Verkleinerung der Gaststätte zur Folge hatte. Die Grundfläche des Cafes blieb aber davon unberührt. Außerdem wurde 1940 der Fahrradkeller in einen Luftschutzkeller umgebaut. Im Frühjahr 1945 kam es in unmittelbarer Nachbarschaft des Kinos zu einigen Bombentreffern, wovon auch das Kino nicht unberührt blieb. Das komplette Gebäude war gefährdet, da sich durch die Zerstörung der Spannanker die Statik verändert hatte und sich die Fassade zur Straße neigte. Mit Flaschenzügen wurde die Fassade abgefangen und es wurden neue Spannvorrichtungen eingesetzt.

Nach dem Krieg bleib das Kino in seiner Architektur weitestgehend unverändert.
Einen ersten größeren Einschnitt
gab es erst wieder 1959.Der damalige Zustand der Vorführtechnik entsprach nicht mehr den Anforderungen der Zeit.
Durch die Einführung der „Totalvision“ wurde ein größerer Bildwerferraum und eine Verbreiterung der Bühne, inklusive der Leinwand, notwendig.
Nach der Fertigstellung bewegte sich dann der Vorhang, so wie heute noch, über die gesamte Bühnenbreite.

1955 Premiere des Films
"Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse"

Bis 1959 befand sich das Kino „Weltspiegel“ in privater Hand und Familienbesitz. 1959 wurde es halbstaatlich und 1972 komplett von staatlicher Hand übernommen.

Zwischen 1950 und 1976 waren Cafe und Gaststätte zwar noch vorhanden, wurden aber anderweitig genutzt, so als Architekturbüro oder Schneiderei.

2. v.l. Helmut Siegert mit Hans-Peter Minetti

Kurz vor der Übernahme in staatliche Hand wurde in dem Jahre 1972 die Fassade komplett überarbeitet. Entwurf und Ausführung lagen dabei in der Hand des Finsterwalder Grafikers Horst Bahr. Neu dabei, die Fassadenverkleidung zur Straßenseite wurde vollständig aus gestanztem Blech ausgeführt. Nach den Vorstellungen ihres Schöpfers soll die Arbeit eine tönende, sprechende Fassade darstellen. Noch heute ist sie in ihrer Form vollständig erhalten und besticht durch ihre Zeitlosigkeit.
1973 kam es dann wieder zu aufwändigen Umbauarbeiten im Innenraum des Kinos, die bis 1976 andauerten. In diese Zeit fällt auch das Ende des Kinocafes. Der Raum wurde zu einem provisorischen kleinen Kinosaal umgewandelt, als Vorführraum diente die Cafeküche. Dieser „Kleine Kinosaal“ wird noch heute als solcher genutzt, Veränderungen an der Bausubstanz waren nicht notwendig, einzig neue Wand- und Deckenverkleidungen aus Holz wurden eingezogen.

Die Hauptveränderungen wurden im eigentlichen Kinogebäude, im Großen Saal, durchgeführt. Hier wurde unter dem Rang eine Visions Bar eingebaut, die erste ihrer Art in dieser Zeit in Deutschland. Die Besonderheit bestand in ihrer Konstruktion und hier betrat man Neuland. Die Parterreplätze wurden durch eine große Scheibe von der Visions Bar abgetrennt. Diese Scheibe wurde ohne Dehnungsfuge senkrecht verklebt. Niemand hatte in dieser Zeit Erfahrungen mit solch großen Glaswänden und wie sie sich verhält, besonders in Bezug auf den Schall. Alles wurde richtig gemacht, noch heute ist die erste Scheibe in Betrieb. Weiterhin wurden die Vorführräume modernisiert und der große Saal bekam eine komplett neue Bestuhlung. Das gesamte Unterfoyer wurde modernisiert und mit Holz verkleidet.

Die gesamte Innengestaltung wurde im Trend der siebziger Jahre ausgeführt und besticht heute noch mit ihren klaren Linien und Formen.
Insgesamt dauerten die Umbauarbeiten drei Jahre und im Mai 1976 öffnete es wieder seine Türen für den Publikumsverkehr.
Bis zum heutigen Tag sind wesentliche Elemente der letzten Umbauphase sehr gut erhalten und prägen den Charakter des Lichtspielhauses.

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1990 war wieder ein entscheidendes Jahr in der Geschichte des traditionsreichen Kinos in der Sängerstadt, allerdings betraf es keine baulichen Veränderungen. Das Kino wurde wieder privatisiert und liegt nun wieder in den Händen der Familie Siegert. Torsten Siegert ist ein Urenkel von Aldolf Tonke, einen der drei Gründerväter des Kinos „Weltspiegel“. Nach der Rückübertragung wurden nur notwendige Modernisierungsarbeiten ausgeführt und damit ist das Kino ein einzigartiges und wertvolles Architekturgut, nicht nur in Finsterwalde.

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Unterfoyer Webseite064

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Visionsbar 2008

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Original Kinoprojektor aus dem Haus von 1935

(ERNEMANN 7 b links)

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2008

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2011 Erneuerungen an der Fassade und am Dach


Einzug der digitalen Technik und 3D

 
 

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